Ein Velopark vor der Haustüre, im Wohnzimmer ein Trampolin, die Wände voller Zeichnungen und Spielsachen wohin das Auge reicht: Ruth Strässler ist Tagesmutter aus Leidenschaft.

„Spielen erwünscht“ steht im ersten Stock von Ruth Strässlers Wohnung geschrieben und gleich darunter werden die Regeln des Hauses vorgestellt: Hier darf nicht, hier soll gespielt werden. Und nicht nur Kinder sollen spielen, sondern auch die Erwachsenen. Und genau das ist es, was die Zollikerin macht: Sie spielt und spielt und spielt.  Sei es mit Legobauklötzen oder Playmobilburgen,  mit Bastelbögen oder Wasserfarben,  Versteckis spielen oder Trampolinspringen – Die Möglichkeiten im Haus sind genauso unerschöpflich, wie Ruth Strässlers Engagement für die Kinder unermüdlich ist. Die 45-Jährige ist Tagesmutter und Vollblutmami. An vier Tagen in der Woche beaufsichtigt sie Kinder jeden Alters. Vom kleinen erst gerade abgestillten 6-monatigen Wonneproppen zum heranwachsenden Kindergartendreikäsehoch finden alle ein Plätzchen an der Schützenstrasse in Zollikon.  „Als 13-Jährige ist mir zum ersten Mal ein 5-Woche altes Baby zum Hüten anvertraut worden“, erzählt die Braunhaarige mit dem fröhlichen Lachen sichtlich stolz, „da wurde die Liebe zu den Kindern entfacht“.

Grossfamilie von Anfang an

Als Älteste von vier Kindern und Tochter eines Lehrerpaares wuchs sie in einem Haus voller Kinder auf. Gemeinsame Lagerferien mit den Eltern und die Flötenstunden im elterlichen Haus im Aargau sind Ruth Strässler noch in bester Erinnerung. „Ich habe eigentlich einfach eine Familientradition weitergeführt“, meint sie lächelnd und schaut auf ihre beiden Schützlinge Julian und Amélie, die an diesem Freitagmorgen bei ihr am Spielen sind. Als wäre es die einfachste und natürlichste Sache der Welt, trinkt sie mit dem Besucher genüsslich einen Kaffee am grossen Familientisch, spielt Fingerspiele mit der einjährigen Amelie und lässt sich vom Vierjährigen zeigen, wie der Playmobilleuchtturm eingeschaltet wird. „Was gibt es Schöneres, als sich von den Kindern die Welt erklären zu lassen“, meint sie in ihrer ruhigen, herzlichen Art. Klar müsse sie auch mal laut werden, aber eigentlich nur dann, wenn sich eines der Kinder in Gefahr begebe. Sonst versuche sie alles so „sanft und süess“ wie nur möglich zu nehmen. Natürlich gebe es auch ihn ihrem Haus Regeln, die es zu beachten gilt. Gegessen wird am Tisch, die Schuhe sind vor Betreten der Wohnung auszuziehen und jemandem etwas aus der Hand zu reissen, wird auch nicht toleriert. In die Erziehungsmethoden der Eltern mische sie sich nicht ein, sagt Ruth Strässler, im gemeinsamen Gespräch werden die verschiedenen Ansichten besprochen und die Bedürfnisse aufeinander abgestimmt. „Die Kinder sollen sich bei mir wie zu Hause fühlen“, sagt sie. Einzig die Zimmer der eigenen Kinder David und Annika seien tabu. Mit den Eltern ihrer Schützlinge pflegt sie einen regen Kontakt.

Vom Mittagstisch zur Tagesmutter

Dass sie heute als Tagesmutter arbeitet, hat Ruth Strässler ihrem heute 11-jährigen Sohn David zu verdanken. „Ich wollte unbedingt ein Gspänli für David, da es in unserer Nachbarschaft keine Kinder in seinem Alter gab“. Die Anfrage einer Nachbarin, ob Livia, die damals gerade in die Tagesschule gekommen war und etwas überfordert schien, bei ihr und David zum Mittagstisch kommen durfte, brachte sie schleichend auf den Weg, sich beim Tagesfamilienverein Zollikon anzumelden (siehe Kasten). Livia, ihr ältestes Tageskind, besucht heute das Gymnasium, kommt aber auch jetzt noch einmal wöchentlich zu ihr zum Mittagessen, was die gelernte Sozialdiakonin als grosses Kompliment versteht. Bevor sie eigene Kinder hatte, arbeitete sie in Dübendorf als Jugendarbeiterin und liess sich zur Spielgruppenleiterin ausbilden. Im Gegensatz zur Spielgruppe, bei der man an ein Ort gebunden ist, schätzt sie es, als Tagesmutter frei und unabhängig zu sein und machen zu können, worauf sie gerade Lust hat. „Ich bin mein eigener Chef und das geniesse ich“, sagt Ruth Strässler. Mit den Kindern geht sie oft in den eigenen Schrebergarten am Zolliker Nebelbach oder unternimmt auch mal einen Ausflug in den Zoo. Ins nahegelegene Schwimmbad Fohrbach geht sie aus Sicherheitsgründen nur, wenn sie lediglich ein Kind in ihrer Obhut hat. „Nicht mal mit meinen zwei eigenen Kindern gehe ich alleine an den See, es ist mir zu gefährlich“, sagt die leidenschaftliche Schwimmerin, die Mitglied bei der Schweizerischen Lebensretter-Gesellschaft (SLRG) ist. Als Jugendliche war sie Cevi-Leiterin und engagierte sich für den J&S (Jugend und Sport).

Die Putzfrau als Luxus

„Flexibilität“, kommt es wie aus der Spielzeugpistole geschossen auf die Frage, was es für eine Tagesmutter vor allem brauche. „Ich weiss nie, was in fünf Minuten ist und muss flexibel auf die Situation reagieren können“, sagt Ruth Strässler, die sich selber als Tagesmutter aus Berufung bezeichnet. „Reich wird man als Tagesmami nicht,“ 10 Franken Stundenlohn pro Kind erhält sie plus ein paar Franken Essensspesen. Würde ihr Mann nicht 100% als Informatiker arbeiten, könnte sie sich ihre Arbeit nicht leisten. „Aber an Liebe bin ich steinreich und genau aus diesem Grund würde ich meine Arbeit niemals eintauschen“. Schwierig wäre ihr Job auch, wenn ihr Mann Markus nicht genauso Kinder liebend wäre wie sie. Komme er jeweils von seiner Arbeit nach Hause, sehe es im Haus  aus, als hätte ein Wirbelsturm gewütet, „da braucht es schon Verständnis“, lacht sie. Einmal wöchentlich kommt die Putzfrau. „Das ist der Luxus, den ich mir leiste. Alles machen kann ich nicht, das musste ich lernen“, schmunzelt sie und erzählt gleich weiter, wie sie in Zürich neben ihrer Arbeit mitgeholfen hat, die Kinderhüeti Gloggespiel aufzubauen und dass sie im Vorstand eines Ferien- und Familienzentrums ist. Sehr wichtig sei ihr auch, dass ihre eigenen Kinder nicht zu kurz kommen. „Weil David und Annika mich quasi mit anderen teilen müssen, bin ich zu meinen beiden Kindern gerne grosszügig“. Verwöhnt werden die beiden dann mit Ausflügen ins Legoland oder in den Kletterpark. Auch auf dem Campingplatz ist die Familie Strässler des Öfteren anzutreffen. Das Zelt ist für vier Personen gemacht und das sei gut so. „Hätten wir mehr Platz, würde ich mich wohl auch in den Ferien nicht von meinen Schützlingen trennen“, witzelt sie. Die eigenen Kinder hätten aber keine Probleme damit, dass ihr Mami auch andere Kinder betreut. Im Gegenteil: Seien mal keine Kinder im Haus, mache Annika grosse Augen und finde: „Was, niemert dihei zum spilä? Sooo langwilig!“

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